Trainingstagebuch

Brücken und Baustellen

Zwei aufeinander folgende Wochenenden Mitte Februar 2020: Die ersten beiden ernsthaften Trainingsläufe unter Wettkampfbedingungen stehen auf dem Plan. In Bonn und Magdeburg sammele ich mehr als 100 Kilometer binnen acht Tagen.

Mitte März 2020: Die Nachbereitung dieser Läufe habe ich nun so lange vor mir hergeschoben, dass mich die Ereignisse mittlerweile überholt, gar überrundet haben. In der Zwischenzeit durfte ich mein erstes Podium-Finish feiern. Und anschließend flog mir meine weitere Wettkampfplanung regelrecht um die Ohren. Schwerin? Abgesagt. Hannover? Höchst unwahrscheinlich. Rennsteiglauf? Abgesagt bzw. auf 2021 verschoben. Wie es nun weiter geht, wird sich zeigen.

Trainingslager in Bonn

Aber der Reihe nach: Am Valentinstag ging es nach Bonn. Dort hatte die LG Ultralauf zum Trainingslager geladen. Ich stieß als blutiger Ultra-Anfänger zu einer Gruppe von einem Dutzend sehr erfahrener Läuferinnen und Läufer. Neben den eigentlichen Trainingseinheiten war der Austausch mit den anderen, das worauf ich mich am meisten gefreut hatte. Zum einen stimmte der vibe, sehr relaxt. Zum anderen schnappt man hier und da immer wieder kleinere Tipps auf, schaut sich etwas ab, oder nimmt grundsätzlich etwas davon mit, wie andere (und hier: bessere Läuferinnen und Läufer) an die Sache herangehen.

Intervalle

Das Trainingslager war von Freitagnachmittag bis Sonntagvormittag angesetzt, drei Einheiten sollten das Training verdichten. Noch am späten Freitagnachmittag schnürten wir unsere Schuhe und absolvierten ein Intervalltraining entlang des Rheinufers. Auf dem Plan standen 20 Wiederholungen von drei harten und einer lockeren Minute. Das Tempo konnte und sollte sich jeder selbst einteilen, bei der Trabpause fand die Gruppe nach jeder Wiederholung wieder zusammen. Meine Pace pendelte sich bei den „harten“ Abschnitten bei etwa 04:30 Min / Km. Insgesamt kamen mit Ein- und Auslaufen 20,8 Km zusammen. Dafür dass ich noch vier Stunden Zugfahrt in den Knochen hatte; lief es ganz gut, ein wenig Pulver hielt ich mir für den Samstag trocken – das Highlight des Wochenendes.

BBQU

Beim Bonner-Brücken-Qualitäts-Ultra (kurz: BBQU) durfte ich mein Ultramarathon-Debüt geben. Und es lief so gut wie ich es mir nur hätte erwarten dürfen. Zunächst hatten wir Glück mit dem Wetter. Während es Freitag nieselte, Sonntag stürmte, war es am Samstag mild und sonnig. Auf vier (bzw. wahlweise fünf) Runden zu je knapp 15 Kilometern ging es immer den Rhein entlang. Für Höhenmeter sorgten lediglich zwei Brücken, die als Endpunkte der Runde dienten. Aus Respekt vor der Distanz frühstückte ich mehr als sonst vor Läufen. Mein Plan sah vor, eine Pace von 05:30 Min / Km anzuschlagen und an jedem Verpflegungspunkt tatsächlich Halt zu machen und etwas zu trinken und zu essen. Bei den letzten kürzeren Läufen zuvor hatte ich mir das auch vorgenommen und dann im Eifer des Gefechts allzu häufig ausgelassen. Hier hätte sich das wohl aber gerächt, von daher ging ich lieber vorsichtiger ans Werk. Ein VP befand sich am Start / Ziel, ein zweiter auf der anderen Uferseite; auf halber Rundenlänge. Die Verpflegung war wirklich üppig, sodass ich mich ein bisschen durchtesten konnte, was sich zum einen von der Nahrungsaufnahme als solche und dann vom Magengefühl am besten macht. Eine Erkenntnis: Weicher bis schlotziger Kuchen macht sich ziemlich gut; auch Schokolade. Glücklicherweise bekam mir das Durcheinander gut. Ab und an beschlich mich beim Verlassen der VP das Gefühl, nicht genug gegessen zu haben; einen Ast erlebte ich jedoch nicht.

Die erste Runde lief noch etwas schleppend, dann kam ich besser rein. Die dritte Runde war wohl die beste, die vierte konnte ich immer noch gut durchziehen. Zumindest war das mein Empfinden während des Laufs, in den Zeiten, die ich mir rudimentär aus Trainingpeaks gezogen habe, spiegelt sich das nicht ganz wider:

  • 1:20:30 (I)
  • 1:20.30 (II)
  • 1:20:50 (III)
  • 1:24:40 (IV)

Eine fünfte Runde hätte ich vielleicht noch geschafft – das war eine Option, auf 75 Km zu gehen. Aus mehreren Gründen ließ ich es bei vier Runden bewenden: Zum einen war die Motorik mein ärgster Widersacher. Ab etwa Kilometer 50 merkte ich, wie ich da abbaute; einmal stolperte ich und legte mich beinahe längs. Zum anderen war ich das erste Mal überhaupt länger als 45 Kilometer unterwegs. Da schien mir die Verletzungsanfälligkeit exponentiell zu steigen. Und zuletzt spielte ein psychologischer Faktor mit rein: Die Runden waren etwas kürzer als 15 Km, sodass mir die 60+ als Premiere für Schwerin geblieben wären, tja nun … Der BBQU war ja ein Stück weit als Testlauf für den Seentrail gedacht und so bin ich ihn auch angegangen. Ein großes Fragezeichen, das ich aus dem Lauf noch mit nahm: Wie würde es mir gelingen, mich über fünf oder mehr Stunden aufs Laufen zu konzentrieren, um wirklich fokussiert durchzupowern. Nach etwas mehr als der Hälfte hatte ich in Bonn geistig ein wenig auf Leerlauf geschaltet, zwischendurch mal einen Podcast angemacht und Lauf, Wetter und Flair der Veranstaltung genossen.

Insgesamt schloss ich den BBQU mit 58,8 Km in 5:27:56 ab, was einer durchschnittlichen Pace von 05:25 Min / Km entspricht, meine durchschnittliche Herzfrequenz lag bei 144. Am Sonntag gab es einen kurzen Ausflug ins Siebengebirge. Ich schloss mich der Gruppe an, die ein eher moderates Tempo anschlug, sammelte ein paar Höhenmeter und war überhaupt das erste Mal auf Trails unterwegs – gar nicht mal übel. Den ein oder anderen Sprint am Anstieg konnte ich noch anziehen, war also ganz gut durch den Samstag gekommen.

Baustellenmarathon Magdeburg

Schon am folgenden Wochenende sollte das nächste Highlight folgen: Am Samstag sah der Plan vor, etwa 90 bis 120 Minuten mit ein paar Tempoverschärfungen zu machen (Stichwort: Training verdichten). Leider wurde die Einheit etwas umfangreicher als geplant. Das Wetter war zu gut. Im Herrenkrug drehte ich eine längere Runde, sodass am Ende fast 30 Kilometer auf der Uhr standen. Optimale Voraussetzungen, um am Folgetag einen Marathon anzugehen.

Kurz vor acht Uhr fanden sich rund 30 Läuferinnen und Läufer nahe des Magdeburger Hauptbahnhofes ein, um den ersten Magdeburger Baustellenmarathon zu bestreiten. Es galt, acht der zahllosen Baustellen anzulaufen, die das Magdeburger Stadtbild prägen. Einzig die Reihenfolge, in der wir die Baustellen anlaufen mussten, war festgelegt. Absperrungen, oder Wegmarkierungen gab es keine. Die Läuferinnen und Läufer mussten ihren Weg selbst finden, waren mit einem Zettel ausgestattet, den sie an den Baustellen lochen mussten. Anschließend ging es jedes Mal wieder zurück zum Start / Ziel, wo die Lochung abgestempelt wurde. Aufgrund der Baustellenlage etablierten sich einige Trampelpfade, Abschnitte, die man mehrmals passierte. Allein die Bahnhofstraße bin ich bestimmt sechsmal rauf- und runter. Verschärfte Bedingungen: Wir waren im normalen Straßenverkehr unterwegs, wobei sich das sonntagvormittags nicht all zu problematisch gestaltete. Zugegeben: Die ein oder andere rote Ampel habe ich geflissentlich ignoriert …

All zu viel Spielraum in der Streckenplanung gab es wohl nicht, bzw. fanden wohl viele die Ideallinie. Auf den meisten Abschnitten sah man die gleichen Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die bereits an der aktuellen Station waren, oder gerade hinliefen. Leider scheinen nicht allzu viele von ihnen auf Strava vertreten zu sein, um ein paar Strecken zu vergleichen. Nach dem Lauf fragte ich kurz ‚rum, auf welche Distanz die anderen kamen. Ich selbst hatte rund 43,4 Km auf der Uhr, ein Läufer vor mir ebenfalls 43 Km, einer hinter mir lediglich 41 Km.

Mit der Belastung des vorigen Wochenendes und des Samstags, konnte der Baustellenmarathon nur ein langer Trainingslauf sein. Entsprechend entspannt ging ich rein; brauchte fast zwei Stunden, um auf Touren zu kommen. Das scheint so ein wenig zum Trend zu werden. Im beständigen Nieselregen war ich insgesamt 3:52:49 unterwegs, Strava bescheinigt mir eine Bewegungszeit von 3:43:25, was einer Pace von 05:09 Min / Km entspricht. Damit bin ich zufrieden, zumal ein fünfter Platz bei den Herren heraus sprang.

Die beiden Wochen haben ordentlich reingehauen. Und mich auch dezent aus der Bahn geworfen. Mein rechtes Schienbein war leicht lädiert. Nach ein, zwei Wochen mit reduziertem Umfang und einigen trainingsfreien Tagen aufgrund einer Dienstreise konnte ich das recht schnell auskurieren. Und ich habe Blut geleckt: Die langen Läufe waren ja ohnehin schon meine Favoriten. Nach Bonn (und Kaltenweider, dazu bald mehr) bin ich umso mehr auf den Geschmack gekommen, was Ultras angeht …

[Das Beitragsbild stammt von Ralf St. und wird verwendet unter CC BY-ND 2.0]

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