Trainingstagebuch

Carports und Corona

In meinem Kalender auf TrainingPeaks musste ich eben ziemlich weit zurückblättern, um meinen vorerst letzten Wettkampf zu finden. Den gilt es nämlich an dieser Stelle noch zu rekapitulieren. Anfang März stand der ominös betitelte Kaltenweider Carport Ultramarathon an. Dachte ich zunächst, dass sich „Carport“ vielleicht auf einen lokalen Sponsor beziehen könnte, der nun mal eben Carports fabriziert, wurde ich bei meiner Anreise lügen gestraft. Ein privater Carport in Kaltenweider (nahe Hannover) diente einfach als Start- und Zielmarkierung sowie Verpflegungspunkt.

Veranstalter Heiko hatte rund zwei Dutzend Läufer aus der Region um sich geschart, ordentlich Proviant aufgetischt (dazu später mehr) und einen 50 K ausgerufen – beinahe schon „exklusiv“, rutschte ich noch von der Warte- auf die Startliste. Absolut genial war der allgemeine Vibe, sehr relaxt; die anderen Läufer allesamt sympathisch und entspannt. Wie bereits in Bonn verdeutlichte mir dieser Wettkampf, warum mich Ultramarathon so langsam in seinen Bann zieht. Und warum mich die aktuelle Situation mit der Absage zahlreicher Läufe so nervt; dazu ebenfalls später mehr.

Zielsetzungen und Streckenverlauf

Gut möglich, dass ich aus Magdeburg die weiteste Anreise hinlegte. Den Wettbewerb in Kaltenweider hatte ich als Testlauf für den Seentrail in Schwerin auserkoren – auch organisatorisch: So konnte ich eine Anreise am Vortag inklusive Hotelübernachtung testen. Das hätte mir in Schwerin bevor gestanden und ich wollte schauen, wie ich eine bestmögliche Verpflegung sicherstellen könnte und was ich sonst noch alles brauche. Erst in Bonn hatte ich noch festgestellt, wie nützlich so ein Drop Bag sein kann … dort schleppte ich meine Wechselklamotten, Wasser etc. behelfsmäßig in einer Plastiktüte an den Start … Die Anreise nach Kaltenweider verlief jedenfalls unproblematisch; mit der S-Bahn ging es in aller Frühe von Hannover aus knapp zwanzig Minuten in den Speckgürtel.

Der Streckenverlauf sah sieben Runden zu je sieben Kilometern vor. Zum Abschluss jeder Runde stand ein kleiner Anstieg auf einen Hügel an. Das war eine ein Kilometer lange Schleife, die es als großes Finale der siebten Runde dann zweimal zu absolvieren galt. So standen insgesamt 50 Kilometer und 227 Höhenmeter auf der Uhr. Am Ende jeder Runde wurde wieder der Carport angelaufen, wo jeder Teilnehmer seinen Fortschritt auf der Strecke in einer Liste markierte. Veranstalter Heiko lief selbst mit, sodass der VP zeitweise unbesetzt war.

Mein Trainingsziel – abgesehen von einer Zeit von unter viereinhalb Stunden – war, fokussiert durchzulaufen. Was ich damit meine: keine Musik oder Podcasts während des Laufens zu hören, also meine Gedanken nicht abdriften zu lassen. Auf meinen Long Runs im Training höre ich andauernd Podcasts. Beim Wettkampf erscheint mir das hinderlich. Ohne Kopfhörer loszulaufen, erfüllt die erste Voraussetzung; so kam ich überhaupt nicht in Versuchung. Über eine so lange Zeit die Konzentration hochzuhalten, ist nochmal ein anderes Biest; das will auch trainiert sein. Fokussiert auf den Lauf blieb ich tatsächlich über weite Strecken. Inwieweit mir das beim Pushen half? Zum Ende hin definitiv. Die ersten paar Runden brauchte ich, um reinzukommen. Dann wurde es zumindest gefühlt geschmeidiger – was sich in den Rundenzeiten halbwegs widerspiegelt. Die habe ich allerdings nicht während des Laufs gestoppt, sondern eben aus TrainingPeaks behelfsmäßig rekonstruiert. Runde sieben schließt den doppelten Anstieg mit ein, zählt also acht Kilometer. Ein Trend lässt sich ganz gut ablesen:

  • Runde 1 ~ 37:30 Minuten
  • Runde 2 ~ 37:15 Minuten
  • Runde 3 ~ 38:05 Minuten
  • Runde 4 ~ 38:05 Minuten
  • Runde 5 ~ 37:17 Minuten
  • Runde 6 ~ 34:45 Minuten
  • Runde 7 ~ 40:00 Minuten

Erstes Mal auf dem Podium

Das Rennen verlief so gut wie ich es mir hätte vorstellen können. Zwei Cracks hatten sich ziemlich schnell (und für mich) uneinholbar abgesetzt. Die erste Hälfte des Rennens saß ich auf Rang fünf knapp hinter zwei weiteren Läufern, die als Duo unterwegs waren. Die beiden hatte ich ständig in Sichtweite und irgendwann den Eindruck, ich müsste sie auf der zweiten Hälfte stehen lassen können. Hier half mir der oben angesprochene Fokus: Ich kommentierte den Lauf quasi für mich selbst. Nach der fünften Runde hatte ich am VP zu den beiden aufgeschlossen und kürzte meine Pause insoweit ab, dass ich den VP vor ihnen verließ und anfing zu Ballern.

Das war genau zum kritischen Zeitpunkt des Marathons, also von Kilometer 36 bis 39, wo ich ausreichend Luft zwischen uns packen wollte – hier gilt: Das war meine eigene Interpretation, um mich zu pushen. Den beiden ging das sicher völlig ab und sie genossen einfach ihren Lauf. Mir half es aber, ein paar schnelle Kilometer auf den Asphalt zu brennen. Es waren die schnellste Passage im ganzen Rennen:

  • Kilometer 37 ~ 04:48 Minuten
  • Kilometer 38 ~ 04:39 Minuten
  • Kilometer 39 ~ 04:43 Minuten
  • Kilometer 40 ~ 04:46 Minuten
  • Kilometer 41 ~ 04:39 Minuten

Das war obendrein eine gute Übung, um ein wenig auszutarieren, wie viel ich an so einem kritischen Zeitpunkt raushauen kann, ohne danach noch einzubrechen. Darauf legte ich dann in der letzten Runde Augenmerk; überlegte ab dem Marathon, ob ich gerade noch acht, sieben, sechs, usw. Kilometer in diesem Pace laufen könnte und passte mich entsprechend an. Da waren noch einige Kilometer unter 05:00 Minuten dabei. Die abschließenden beiden Anstiege waren dann ebenfalls noch stark. Am Ende sprang somit tatsächlich Platz drei für mich raus. (Ein tatsächliches Podium gab es allerdings nicht. Das prangere ich an!)

Wichtig zu erwähnen sei noch die Verpflegung. Da hatte Heiko für eine private Veranstaltung (für einen Obolus von 10 Euro) ordentlich aufgetischt. Ich hielt mich an Äpfel, Nüsse, Schokolade und meine mitgebrachten Gels, von denen ich jeweils eins zu jeder vollen Stunde vertilgte.

Alles in allem ein super Rennen und gelungener Test für den Seentrail, der wenige Wochen später stattfinden sollte … und prompt abgesagt wurde. Wie so viele Läufe mittlerweile. Mich hat das, ehrlich gesagt, schon eine Weile genervt und frustriert, insbesondere diese permanenten Absagen nach und nach, die ständig die nächste Startlinie verschoben. Mir ist jedoch bewusst, dass das Jammern auf höchsten Niveau ist, ein Luxusproblem. Von daher galt es, einfach das Beste aus der Situation zu machen.

Highlights im April und ein Plan für den Mai

Ich muss gestehen, diese ganzen virtuellen Läufe gehen mir völlig ab. Das reizt mich, in der Form, irgendwie gar nicht. Womit ich mich seitdem ein wenig beschäftigt habe, sind FKTfastest known times. Was sich daraus machen lässt, mal schauen. Ein paar persönliche Highlights konnte ich im April noch setzen. Über Ostern absolvierte ich beinahe 100 Kilometer an drei Tagen: am Freitag 32, Samstag 25 und Sonntag 40; knackte die Marke dann am Montag mit einem entspannten Auslaufen.

Bereits am folgenden Sonntag legte ich dann mit einem Fünfstundenlauf nach, der mich über mehr als 53 Kilometern über ein paar neue Pfade u. a. nach Pretzien und Plötzky brachte. Als Test für die Verpflegung unterwegs hatte ich mir ein etwas strikteres Protokoll zurechtgelegt, weil ich das Essen auf längeren Trainingsläufen manches Mal vernachlässigt habe. Dieses Mal bin ich so vorgegangen: Erstmal nicht auf gänzlich nüchternem Magen gestartet, eine Stunde vorher ein Brötchen mit Marmelade, dann kurz vor dem Loslaufen ein paar Datteln und eine Banane. Während des Laufens begann ich ab Minute 60 jeweils zur vollen Stunde ein Gel zu verdrücken (die haben 100 Kalorien) und dann auf die jeweils halbe Stunde einen halben Energieriegel (nochmal jeweils ca. 100 Kalorien). Damit bin ich gut durchgekommen. Die zwei 0,5 Liter Wasserflaschen, die ich in meiner Weste dabei hatte, waren allerdings knapp bemessen.

Wo ich nun diesen Lauf mit ein wenig Abstand (von zwei Wochen) reflektiere, juckt es mir schon wieder in den Beinen. Mein Problem: Die Kilometerzahlen der letzten Wochen schwanken mir zu stark, zwischen 50 und 150 – irgendwie zu erratisch. Nun habe ich mir, fast schon zum Selbstschutz und dem Vorbeugen von Verletzungen, vorgenommen, die Umfänge runterzuschrauben. Dazu habe ich mir einen moderaten Plan von Pfitzinger rausgesucht, um über die kommenden zwei Monate an meiner Grundausdauer zu arbeiten. Der Plan beginnt mit 60 Kilometer pro Woche, steigt auf knapp 100 Kilometer an. Sollte der Vorsatz halten, gibt’s beim nächsten Eintrag mehr zum Plan …

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